Wilde Wochen in Tirana

Kaum ein Land in Europa ist mir stärker ans Herz gewachsen, als die Republik Albanien. Ich habe dort insgesamt mehr als ein Jahr gewohnt, in Abschnitten von Monaten und natürlich während der Krise von 1997. Nie werde ich die Herzlichkeit der Albaner vergessen, die mich seit 1992 mit ihrer Gastfreundschaft beschenkt haben. Aber ich denke auch an die dunklen Tage und Wochen zurück, wo politische Querelen und auch die Blutrache mich an den Rand meiner Gefühle brachten.

Ich erinnere  mich gerne an die morgendliche Kaffeerunde bei Alfed Serreqi, dem katholischen Aussenminister Albaniens, der als Arzt sichtlich Mühe hatte, seine Aufgabe zu erfüllen. Bei einer dieser Begegnungen eröffnete mir Serrequi, dass ich als Honorarkonsul Albaniens in der Schweiz nominiert worden sei. Welch eine Freude, dachte ich mir und ausgerechnet ein befreundeter Schweizer Konsul in Frankreich riet mir davon ab, diese ehrenvolle Stelle anzunehmen, denn er meinte, dass ich mit meinem Dienstpass zwar die eine oder andere Whiskeyflasche durch den Zoll bringen könne, aber damit zu rechnen habe, dass Dutzende von Albanern in meinem Schweizer Büro auftauchen würden, um mir ein Visum abzubetteln, das ich ohnehin nicht hätte ausstellen dürfen.

Schlimme Zeiten erlebte ich 1997, als das Volk sich gegen seinen Präsidenten Sali Berisha erhob. Dieser charismatische Politiker, einst Leibarzt des Diktator Enver Hoxhas, wollte mir in einem langen Beratungsgespräch nicht glauben, dass die Schneeballsysteme krimineller Albaner und auch Ausländer zwar viel Geld in den Umlauf brachten, irgendwann unweigerlich zu einem Finanzdebakel werden würden. Später gab er mir Recht, doch Präsident war er dann nicht mehr. Ich erinnere mich dass ich in meinem kleinen Hotel in Kruja, auf Weisung des Hotelbesitzers, eine Kalasnikow am Bettrand stehen hatte, denn die Zeiten waren wild geworden. Doch ich musste sie nie benutzen, wohl aber weiss ich heute, wie so ein Ding zusammengebaut wird, denn Petri, der Hotelier, hatte sie mir in Einzelteilen, samt einer Schachtel Munition an der Rezeption gegeben. Ein einziges Mal wurde mir Angst und bange, als ich eines Nachts nicht auf die Ausgangssperre geachtet hatte, und bei strömendem Regen mein Hotelzimmer aufsuchen wollte. Die gefiel einem der "Nachtwächter" der Stadt Kruja nicht und er verpasste mir eine Salve über meinen Kopf hinweg, wenige Meter vor meiner Behausung, die durch die für mich angebrachten Gitterstäbe eher einem Gefängnis, als einem Hotel glich. Die Restaurants waren allesamt geschlossen und so ging ich bei Tageslicht zum Bäcker um mir ein duftendes Kastenbrot zu kaufen und ein nahe gelegener Laden verkaufte noch den verbliebenen Käse, den ich mit einer Suppe dann in meinem Hotelzimmer ass, zubereitet in einer behelfsmässigen Küche, die eigentlich meine Toilette war...

Jahre später wurde ich wieder nach Tirana gerufen, denn ein albanischer Baulöwe hatte mich als Wahlkampfmanager von Sali Berisha vorgeschlagen. Eine Suite im Hotel Sheraton war angemietet worden und ich kaufte mir einen alten Landrover, damit ich mobil bleibe. Kurz vor Antritt meiner Aufgabe erhielt ich aber einen Anruf aus Tirana, dass Präsident George W. Bush in den Wahlkampf eingreifen wolle und seinen Homeland Manager Thomas Ridgenach Albanien senden werde. Schade, auch wenn ich etwas Zweifel hatte, ob ich es geschafft hätte, Sali Berisha wieder and die Macht zu bringen. Wie die Sache ausging? Dies lesen Sie bald in meinem Buch "Der Graf von Dubrovnik - Ein Leben zwischen Wahn und Sinn".

Während der Wirren von 1997 rief mich die Schweizer Botschaft von Zeit zu Zeit auf meinem Handy an, um sich zu versichern, dass ich noch lebe. Ihr Angebot, mit einem Hubschrauber ausgeflogen zu werden, der in Tirana auf dem Fussballplatz landen würde, verzichtete ich, denn als Berichterstatter fühlte ich mich in Albanien am richtigen Ort. Erst Jahre später erfuhr ich von der Schweizer Bundespolizei (Inlandgeheimdienst), dass meine täglichen Fax-Berichte, die ich an eine Adresse in Bern sandte, in Tat und Wahrheit nicht in den Medien landeten, sondern bei der CIA, aber wie hätte ich das wissen sollen und das Honorar war mir in dieser Situation sehr willkommen. Ich war zum "Söldner" geworden, aber was solls? Mit Schmunzeln denke ich auch an meinen kurzen Aufenthalt am Sandstrand von Durazzo zurück, als ich mich den Sonnenstrahlen aussetzte und wenige Meter hinter mir ein lieber Wächter mit seiner Maschinenpistole die Chance zu diesem Sonnenbad garantierte, denn ohne ihn hätte dies böse enden können. Aber es waren wilde Zeiten und ich erinnere mich mit etwas Sehnsucht daran.

Ich habe immer an eine positive Zukunft Albaniens geglaubt und so hoffe ich, dass ich einmal anwesend sein darf, wenn Europa dieses wunderbare Land in die Union aufnimmt. Albaniens Politiker müssen noch etwas lernen, doch die positiven Ansätze sind da, trotz der im Balkan üblichen Korruption. Mein Freund Zef Bushati, der einst Botschafter am Heiligen Stuhl war und der von Kirche und Vatikan anfangs wenig verstand, erlaubte mir anfänglich, dass ich seine ersten Briefe an den Papst verfassen durfte, doch Zef lernte sein Metier allzu rasch und so war meine Zeit als "Ghostwriter" nur von kurzer Dauer. Dafür erlaubte er mir eines seiner Diplomatenfahrzeuge anzueignen und von da an hatte ich in Rom keine Parkplatzsorgen mehr, nur das Recht auf den Bus- und Tramspuren zu fahren, nahm ich mir nicht heraus, denn der klapprige Volvo gab von Zeit zu Zeit sein Leben auf und ich wollte nicht das ohnehin schon miserable, öffentliche Verkehrswesen durch stehengebliebene Diplomatenautos zu blockieren. Zef Bushati wurde später Vizeminister für Europafragen und auch dann durfte ich ihm mit meinem Rat beistehen. Wir sind Freunde geblieben und ich sehe an seinen beiden Kindern, die in Italien studiert haben, eine neue Generation von Albanerinnen und Albanern heranwachsen, die der Zukunft des Landes mit Pragmatik und Heimattreue verbunden sind.

Manfred Ferrari