Bagdad 1990

Von armen Geiseln und gewichtigen Prälaten 

Eigentlich ging es bei diesem Telefonat um den Verkauf eines Landstücks an ein Unternehmen in der Schweiz. Die französische Stadt Baume-les-Dames hatte mich mit der Erschliessung eines Gewerbegebiets beauftragt, für das der Bürgermeister zahlungskräftige Kunden aus der Schweiz suchte. Aber das Verkaufsgespräch nahm eine unerwartete Wende. Wir kamen auf die aktuelle Krise im Mittleren Osten zu sprechen und mein Gesprächspartner erklärte mir, dass zwei der Mitarbeiter seiner Maschinenfabrik in Bagdad als Geiseln festgehalten wurden. Was für eine interessante Herausforderung tat sich für mich da auf. Das langweilige Abtelefonieren von potentiellen Kunden für das schnöde Gewerbegebiet war mir langsam zuwider geworden. Der Herr Direktor an der anderen Seite der Strippe schien an meiner Intervention gefallen zu finden. Ich hatte ihm mitgeteilt, dass ich in Rom einen irakischen Erzbischof kenne, der vielleicht eine Lösung des Problems finden konnte. Den illustren Geistlichen hatte ich auf einer Busfahrt in Rom kennen gelernt. Ich verstand damals noch wenig von der kirchlichen Hierarchie. Hochrangige Prälaten waren für mich damals eine Art „Götter in rot und violett“. So hatte ich den Erzbischof von Ahwraz im Bus gefragt, ob er denn keinen Fahrer habe. Erschrocken hatte sich der Prälat bekreuzigt und sprach „Gott behüte mich vor einem Chauffeur“. Erst Jahre später erfuhr ich, wie es mit den Limousinen des Vatikans bestellt war. Die Autos mit dem Kennzeichen SCV (Stato della Città del Vaticano, auf italienisch: "se Christo vedesse" – Wenn Jesus dies sehen würde!) müssen die Prälaten, gegen teures Geld, aus der eigenen Tasche anmieten. Verständlich dass heute noch Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe es vorziehen ein Römer Taxi anzumieten. So konnte ich erst nach Jahren verstehen, weshalb der fromme Erzbischof sich im Linienbus Nr. 64 spontan bekreuzigt hatte, als wolle er einen Teufel austreiben. Man verzeihe mir den Exkurs, der allerding zum späteren Verständnis der Vorkommnisse nicht ganz unwichtig ist.

Wenige Tage später reiste ich im Zug nach Rom, wo ich den chaldäischen Prälaten in seiner Behausung aufsuchte. Man kann wirklich von einem solchen Wohnverhältnis sprechen, hatte doch der Erzbischof über Wochen hinweg eine Wohnstätte gesucht. Auch ich hatte mich bemüht und die Schwester Oberin meines Pilgerhauses angefleht, dem obdachlosen Erzbischof ein Heim zu bieten. Die sonst so herzliche Leiterin des Pilgerhauses, bei der ich seit Monaten fast kostenlos wohnte, wurde unmissverständlich resolut. „Wenn Sie mich noch einmal bitten, dieses Prälaten aufzunehmen, steht Ihr Koffer vor Ihrem Zimmer!“ Mamma mia, sagte ich mir und schwieg fortan aus sehr eigensüchtigen Gründen. Seine Exzellenz hatte inzwischen beim Brasilianischen Kolleg in Rom Unterschlupf gefunden und dort in wenigen Wochen ein Buch über die Gottesmutter Maria geschrieben. Nun ruhte meine ganze Hoffnung auf ihn. Er aber erklärte mir traurig, dass er mir nicht helfen könne. Dies liege im Kompetenzbereich des chaldäischen Patriarchen, der in Bagdad wohne. Aber durch ein Fügung weilte seine Seligkeit Raphaël I. Bidawid just in jenen Tagen in Rom, als Teilnehmer einer Bischofssynode. Wie kommt man an ein solch hohen Prälaten heran? Würde er sich des Leidens meines Maschinenfabrikdirektors und  der zwei Geiseln in Bagdad erbarmen? Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, sagte ich mir mutig. Ein befreundeter Chefredaktor erlaubte mir, den Patriarchen zu interviewen, ohne dass ich ihm das Gespräch zu Publikation überbringen würde. Ein schändlicher Missbrauch des edlen Berufs der Journalisten, aber wie heisst doch das geflügelte Wort? Der Zweck heilt (oft) die Mittel. Das Gespräch mit dem Oberhaupt der Chaldäer verlief sehr positiv, doch irgendwie wurde mir deutlich, dass Seine Seligkeit andere Probleme in der Kirche und der Welt zu lösen hatte, als das Leiden zweier Schweizer die wegen ihrer Arbeit nicht ganz unschuldig in die Klauen des irakischen Diktators geraten waren. Zurück in Frankreich machte ich den gewagten Vorschlag, selbst nach Bagdad zu reisen und dort aus der räumlichen Nähe des Patriarchen das Mögliche zu tun. Wieder nutzte ich das mediale Angebot meines Römer Bekannten, der mir spontan ein Empfehlungsschreiben an das irakische Informationsministeriums ausstellte. Mit schweren Koffern, gefüllt mit Lebensmitteln und Liebesbriefen für die beiden Geiseln flog ich über Genf und Amman in die irakische Hauptstadt. Und wieder war der Himmel dabei. Beim Eintreffen im jordanischen Amman stand plötzlich Seine Seligkeit neben mir. Ich kann nicht behaupten, dass Patriarch Raphaël I. Bidawid besonders glücklich aussah, als er mich im Flughafen sah. Als hoher Kirchenfürst hatte aber gelernt seine Gefühle weise zu verbergen. Ein Detail zu Einstieg ins irakische Flugzeug muss ich aber erwähnen. Zuoberst, am Treppenende neben dem Cockpit, befand sich ein flacher Holzkasten. Darin lagen, durch Papieretiketten säuberlich bezeichnet, über ein Dutzend von Pistolen und Revolvern. Auf meine verdutzte Frage erklärte mir die Hostess, dass ich keinerlei Angst haben müsse. Alle Waffen würden bei den Piloten sicher gelagert und erst nach der Landung den Besitzern ausgeliefert. Andere Länder, andere Sitten. 

Nun kamen Wochen des Wartens. Als (neugeborener) Journalist hatte ich den Zugang zu den Begegnungen fast aller Politiker, die nach Bagdad gereist waren, um sich der armen Geiseln zu widmen. Meine Schützlinge hatten sich riesig über die vielen Lebensmittel gefreut, die mir ihre Lieben mitgegeben hatten. Etwas peinlicher war die Sache mit den Liebesbriefen. Die langen Wochen im Hotel hatten neue Beziehungen entstehen lassen. Nicht unerwähnt bleiben aber darf die wichtige Rolle des Taxifahrer Al Kadir, der für die Schweizer Firma gearbeitet hatte und nach dem Ausreiseverbot für Ausländer die beiden ohne Unterlass weiter herumfuhr, als sie keinen Cent mehr in der Tasche hatten. Der Fabrikdirektor hatte mir eine entsprechende Geldsumme mitgegeben, die ihn für dieses grosszügige Verhalten entschädigen sollte. Kadir sollte später auch für mich zu einer bedeutenden Hilfe werden.

Ich wohnte im Hotel Paradise, das für Journalisten reserviert war, samt den technischen Einrichtungen, um diese unter Kontrolle zu halten. Am Morgen hatte mich der Patriarch gebeten am Nachmittag in sein Priesterseminar zu kommen. Einen Grund könne er mir nicht sagen. Pünktlich traf ich dort ein und erlebte ein liebenswertes Spektakel. Im kleinen Theatersaal sassen die angehenden Priesteranwärter. Oben auf der Bühne tanzten bildhübsche Mädchen religiöse Reigen. Wehe wer dabei unsaubere Gedanken hat. Die chaldäisch-orthodoxe Teilkirche kennt den Zölibat nicht. Männer können heiraten, aber nur bevor sie zum Priester geweiht werden. Was anderes blieb Raphaël I. Bidawid eine Art „Heiratstanz“ veranstalten zu lassen, um zu verhindern, dass der mächtige Vatikan dem Patriarchat die Sonderregelung des (Nicht-) Zölibats zur Aufhebung empfehlen würde .

Dann berat der schwergewichtige Prälat den Raum, in dem ich der einige Ausländer war. Der Patriarch war soeben aus dem Präsidentenpalast gekommen, wo er mit Saddam Hussein das Thema der ausländischen Geiseln erörtert hatte. Auf meine Frage über die Schweizer Geiseln erwiderte er kurz: Sie sind frei, um zu ergänzen: Und alle anderen auch! Dem gewieften Kirchenmann war gelungen, was Dutzende Regierungsdelegierte aus aller Welt vergeblich versucht hatten. Jeder wusste, dass er dem Diktator nahe stand, aber dank seine Vermittlung wurde viel Leid vermieden. Ich aber war der erste Ausländer, der von der Freilassung erfuhr. Gross die Freude bei den Schweizern im Hotel und bei mir selbst. Mein Einsatz hatte sich gelohnt.


Manfred Ferrari 

 

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