Muammar Gaddafi ruft...

Es war an einem schwülen Augusttag des Jahres 1990, als mich Jean-Marie BRESSAND aus Besançon in Basel anrief und mich lapidar fragte, ob ich Oberst Muammar Gaddafi kennenlernen möchte. Bressand, während des Zweiten Weltkriegs Chef des militärischen Geheimdiensts der Franche-Comté, genauer gesagt des „Reseau Casino“, an dessen Wirken in der Festung der Hauptstadt heute noch ein Raum im Museum der französischen Widerstandskämpfer erinnert, war als Mitbegründer der Organisation „Fédération des Villes Jumelées“ mit dem libyschen Staatschef bekannt geworden. Es war jene Organisation, die seit 1950 sich mit der Gründung von Städtepartnerschaften befasst hatte und heute noch in Paris ihren Sitz hat. Jean-Marie Bressand, ein Sturkopf, wie fast alle Gründergestalten, war schon nach wenigen Jahren als Chef dieser Organisation ausgebootet worden. Ich wusste aber schon damals aus seinen Erzählungen, dass er mit dem Diktator Libyens ein Hühnchen zu rupfen hatte, ging es doch um ein Geldgeschenk in Millionenhöhe, das ihm Oberst Gaddafi versprochen hatte und das der damalige Chef des libyschen Geheimdiensts in seine eigene Tasche gesteckt habe, wie Jean-Marie immer wieder behauptete.

In Erwartung der Dinge erreichte ich am selben Tag mit dem Nachtzug Paris und erschien, wie vereinbart, um Punkt 9 Uhr auf der libyschen Botschaft an der Rue Charles Lamoureux. Dort wurde ich mit größter Freundlichkeit empfangen, hatte mich doch Bressand als namhaften Journalisten von Radio Vatikan angekündigt, der ich aber eigentlich nicht war. Wenig später traf ein weiterer „Jünger“ aus dem Gefolge von Jean-Marie ein, Monsieur Wagner, den er ebenfalls als bedeutenden, belgischen Journalisten angemeldet hatte, der in Tat und Wahrheit eigentlich ein Fabrikant von herausragender Schokolade war. Auch er freute sich auf die kostenfreie Reise nach Tripolis und so saßen wir wenige Stunden später im Flugzeug der Libyan Air und kurze Zeit danach auf der Terrasse des „Grand Hotel“, wo uns Mengen von (alkoholfreien) Getränken und Rauchwaren serviert wurden. Mein Kollege und ich waren uns bis zu jener Stunde nicht bewusst, was wir in Tripolis anstellen sollen und was wir dem Staatschef mitteilen könnten, außer herzlichen Grüßen unseres gemeinsamen Freundes Jean-Marie Bressand. Noch auf dem Flughafen von Orly hatte ich einen der Redaktoren der Neue Zürcher Zeitung angerufen und gefragt, ob ich ihm einen Bericht aus Libyen senden darf, vielleicht sogar ein Interview mit Gaddafi. Genau in jenen Tagen hatte Saddam Hussein begonnen, in den Kuweit einzudringen und es wäre sicher interessant gewesen zu wissen, was sein Konkurrent, der Raïs von Libyen darüber denkt. In Tripolis angekommen, sandte ich sofort ein Fax an einen Freund im Radio Vatikan, mit dem Text, dass ich heil in Tripolis angekommen sei und dieser muss sich nicht schlecht gewundert haben, ein Fax aus der Stadt in der Wüste zu erhalten, von einer Reise, von der er von mir nie etwas gehört hatte. Aber „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ und da ich wusste, dass mir schon damals der böse Ruf eines „Geheimagenten“ anhing, wollte ich den lokalen al-Muchabarat (arabischer Geheimdienst) nicht auf dumme Gedanken bringen.

In der Zwischenzeit erkannten wir beide, dass auch andere (echte) Journalisten aus ganz Europa eingetroffen waren, mit dem kleinen Unterschied, dass diese anscheinend die Reise aus ihrer Firmenkasse bezahlen mussten, doch darüber schwiegen wir beharrlich. Es waren Fernsehmacher des italienischen Canale 5, Journalisten der Nachrichtenagenturen ANSA und der ADN Kronos, mit dessen Korrespondent Ennio Are auf dieser Reise enge Freundschaft schloss und den ich Monate später wegen einer anderen Reise in den Mittleren Osten näher kennen lernen sollte.

Das Rätselraten begann und jeder von uns wollte erfahren, wann wir den Staatschef endlich treffen dürfen, doch in Arabien ticken die Uhren anders und langes Warten war angesagt. Erst am nächsten Morgen wurden wir 12 Apostel europäischer Medien (inklusiv dem Schokofabrikanten) auf den Flughafen von Tripolis gebracht und im VIP Raum mit einigen, alkoholfreien Getränken ruhiggestellt. Es vergingen Minuten, nein Stunden, bis wir endlich erfuhren, dass wir in ein Flugzeug, eine Boeing 737 gesteckt wurden, die unbekannten Ziels abhob und wir entdeckten, dass jeder von uns zwölf Europäern einen netten Begleiter erhielt, der sich neben uns setzte und behauptete er sei ebenfalls Journalist. Ich hatte mir einen Fensterplatz ergattert, was bei der geringen Anzahl Passagiere wirklich kein Problem war. Ich fragte meinen netten Mitreisenden, der ausgesprochen gut Englisch sprach, wohin die Reise wohl gehen würde. Er schüttelte bedauerlich den Kopf und sagte, dass wir voraussichtlich unterwegs nach Bengasi seien. So kramte ich aus meiner prall gefüllten Hosentasche, zum Erstaunen meines libyschen Kollegen einen Kompass heraus und auch meine QUO VADIS Agenda, die in ihrer französischen Ausgabe detaillierte Karten von Nordafrika enthielt. Kompass und Karte ließen mich erahnen, dass nicht Bengasi, sondern Ghat unser Ziel war. Immer noch etwas über meine Ausrüstung erstaunt, erklärte mir der eher wortkarge Kollege, dass Ghat eine Wüstenstadt sei, an der Grenze von Algerien. In der Tat landeten wir vor einer großen Baracke, mitten im unendlichen Sand und freundliche Menschen beeilten sich, uns Trinkwasser und Datteln anzubieten. Doch unser Wunsch war doch den Herrscher von Libyen kennen zu lernen und der war weit und breit nicht zu sehen.

Bei meinen Berufskollegen begann sich Ärger bemerkbar zu machen, waren doch alle nach Libyen gereist, um ihren Redaktionen interessante Berichte über die Haltung von Gaddafi zum Überfall auf den Kuweit zu erfahren und was soll also der Aufenthalt in der extremen Hitze in der ungekühlten Baracke, die dem kleinen Wüstenort als Flughafen diente. Uns war aufgefallen, dass just neben dieser ein Flugzeug russischer Bauart stand, eine Antonow Transportmaschine, mit weit ausladenden Flügeln. Dann, plötzlich und unerwartet, schrien unsere Begleiter: „Alle zurück in die Halle!“ und wir fanden uns in dem stickigen Gebäude wieder, wo keine einzige Sitzgelegenheit zu finden war. Einer von uns hatte sich am Fenster aufgehalten und rief uns alle dorthin. In weiter Ferne sahen wir Staubwolken auffliegen und zwischen einer großen Militärkolonne entdeckten wir einen blütenweißen Mercedes, von dem wir alle erahnen konnten, dass unser Wunschkandidat Muammar Gaddafi in dieser Nobelkutsche sitzen sollte. In der Tat parkierte der Wagen just unter den Flügeln der Antonow und wir konnten nur vermuten, dass hinter den weißen Vorhängen der Chef der libyschen Wüste sitzen musste. Und so mussten wir alle zurück zu unserer Boeing laufen, im Gänsemarsch, einen hinter dem anderen und das wenige Meter vom Mercedes entfernt, damit der Sponsor unserer Reisegesellschaft einen jeden von uns einzeln betrachten konnte. Irgendjemandem von uns war aufgefallen, dass auf dem Flugfeld zwei Maschinen exakt gleicher Bauart standen und die Fachleute unter uns konnten nur vermuten, dass beide Flugzeuge exakt den Transponder mit gleicher Frequenz besaßen, der den bösen Geheimdiensten die Illusion geben sollte, dass zwei identische Maschinen in der Luft waren und sicher hatten die Mitarbeiter des Libyers bekanntgegeben, dass in einer der Maschine der gefürchtete Raʾīs saß und in dem anderen eine Anzahl unbedarfter Journalisten und sich deshalb bei dieser Faktenlage ein Attentat auf Gaddafi kaum lohnen würde.

Mittels meiner Agenda hatte ich bald ausgemacht, dass wir in Kürze in einem anderen Staat landen würden, in der Wüstenstadt Djanet, die etwas mehr als 400 Kilometer südlich der algerischen Hauptstadt liegt. Auf dem Flughafen von Djanet stand ein halbes Dutzend von Regierungsflugzeugen, von Mali, Niger, Tschad, etc. und als wir uns erneut in die brütende Hitze wagten, waren einige meiner Kollegen schon innerlich derart am Kochen, dass mir Böses schwante. In einem Bus wurden wir in die Stadt gebracht und alle eilten zum Postamt, das durch riesigen Satellitenantennen schon von Weitem zu erkennen war. Aber eben, just an jenem Tag hatten die Beamten ihren (ungeplanten) Ruhetag und auch bei intensivstem Pochen an der Metalltüre blieben das Telefonamt und der Briefmarkenschalter für uns verschlossen.

In der Zwischenzeit hatte man uns, bei glühender Hitze, in einen mit Seilen abgesperrten Platz im Wüstensand gebracht. Zwölf Medienpropheten, die ohne himmlische Botschaft blieben, denn bis dahin wollte uns keiner der Begleiter (die dann auch nicht mehr auftauchten) sagen, was wir hier sollten. Da kam mein James-Bond-Material wieder zum Einsatz. In meiner Hosentasche hatte ich nämlich mein SONY ICF SW3-Radio versteckt, ein Kurzwellenempfänger der Profiklasse, der mich ein Vermögen gekostet hatte und ich just in diesem Moment erkannte, weshalb ich dieses Ding mir angeschafft hatte. Mit der Scanning-Taste, die ich auch im Dunkeln zu bedienen wusste, suchte ich die Welt nach Radiosender ab, die mir Klarheit über unsere Wüstenmission geben sollten und es war just Radio Moskau, das mir half Klarheit zu schenken. Mutig rief ich mit lauter Stimme in unsere Runde: „Wir sind hier, weil hier ein Gipfel zum Thema Tuareg stattfindet!“. Nie werde ich die Antwort eines meiner (echten) Journalistenkollegen vergessen, der sicher mindestens einen Doktortitel einer italienischen Universität besaß und laut fragte: „Was sind Tuareg?“. Seit dieser historischen Sekunde, sehe ich den italienischen Journalismus mit anderen Augen.

Es war der betagte Ennio Are, der die Nerven verlor und mit einem seiner Kollegen lautstark unsere Gruppe verließ und laut schreiend sich auf die Villa zubewegte, wo der Gipfel sich abspielte, hatten wir doch eine halbe Stunde zuvor eine in hellblauen Stoff gewickelte Figur erkannt, durch dessen Turban unverwechselbar die stechenden Augen von Muammar Gaddafi zu sehen waren. Wir sahen die Wächter, wie sie ihre Kolesnikows erhoben und auf die beiden Ausreißer zielten. Ennio und sein Kollege hatten das Eingangstor erreicht und ich war mir sicher, dass in jener Minute zwei wertvolle Journalisten im Wüstensand liegen würden, gestorben in Erfüllung ihrer publizistischen Mission. Dann beklemmende Stille nur wenige Minuten später sahen wir den algerischen Außenminister vor das Tor treten, den ich zumindest vorm Fernsehen her kannte und der sagte: „Liebe Freunde, wir wussten nicht, dass Präsident Gaddafi Journalisten mitgebracht hat. Wir freuen uns über ihre Anwesenheit und seien Sie unsere willkommenen Gäste“.

Das Eis in der glühend heißen Wüste war gebrochen. In einem Kleinbus wurden wir zurück in ein kleines Restaurant die Stadt gebracht und nur wenige Minuten später stand vor uns eine Gruppe von lokalen Musikern, die unseren Ärger und unseren Frust in einheimischen Tönen verfliegen ließen. Kurz darauf wurden uns leckere Speisen und Getränke aufgetischt und sicher hat sich der eine oder andere von uns gefragt, was wir hier sollen. Uns wurde bewusst, dass der schlaue Wüstenfuchs aus Libyen uns nach Algerien gelockt hatte, damit wir über das Gipfeltreffen zum Thema Tuareg berichten würden, denn er wusste genau, dass keine einzige Redaktion Geld lockergemacht hätte, für eine solche Reise, wenn Hunderte von Kilometern entfernt ein Krieg tobte, über den wir eigentlich hatten berichten wollen. Es kam die Nacht und keiner von uns hatte Gaddafi persönlich treffen können. Die Fernsehleute hatte ihre (damals noch schweren) Kameras in die Wüste geschleppt und wussten nicht, ob sie den Auftrag hatten, dieses Gipfeltreffen zu filmen, denn keiner von uns hatte ein Satellitentelefon dabei und weit und breit war kein Telefon zu finden, um die Familien und die Redaktionen über unser Schicksal zu informieren. Endlich kam ein algerischer Beamter zu uns und erklärte, dass für uns unangemeldete Gäste eine Unterkunft gefunden worden sei. Hier erlebten wir was arabische Gastfreundschaft bedeutet und mit etwas Mitleid sah ich die Sicherheitsleute des Staatschefs von Mali, wie sie in dünnen Wolldecken gewickelt im Sand lagen, vor den Wohncontainern, die eigentlich für sie bestimmt waren und nicht für uns. Nie vergesse ich den klaren Sternenhimmel, den ich bisher nie in dieser Schönheit gesehen hatte, denn weit und breit war kein künstliches Licht zu sehen, außer den schwach leuchtenden Lampen in unseren stählernen Wohngemächern.

Der nächste Tag brach an und immer noch kein Kontakt mit jenem Mann, der uns diese Reise eingebrockt und bezahlt hatte. Gegen Mittag durften wir, hinter starken Gittern und in gebührender Distanz sehen, wie die Staatschefs sich genüsslich an Schafskörpern bedienten, mit bloßen Händen Fleischklumpen von den Rippen reißend, während unsere Mägen und unsere Hirne knurrten. Bei mir allerdings nur der Magen, denn ich war ja hier ohne besondere Aufgabe, als Delegierter des „Le Monde Bilingue“ und als fiktiver Reporter von Radio Vatikan, das sicher nie von mir einen Bericht über die grenzüberschreitenden Probleme der Tuareg senden würde. Endlich wurden auch unsere Mägen gestillt und durch das Drängen meiner Kollegen endlich in eine kleine Villa gebracht, wo uns der Rais auf einem Sofa empfing, natürlich nach gründlicher Kontrolle unser Ausrüstung durch die Leibwache des Wüstensohns. Der eine oder andere von uns mag sich gefragt haben, ob wir uns nicht auch einer Leibeskontrolle hätten unterziehen dürfen, denn die Soldatinnen der Leibwache waren ausschließlich weiblichen Geschlechts und ausnehmend hübsch.

Ich hatte meinen Kollegen von Bild und Text die vorderen Plätze gelassen und mein (professionelles) Aufnahmegerät auf den Tisch gelegt, samt dem Mikrophon, das auf Gaddafi gerichtet war. Schon vor der ersten Frage hörte ich in meinen Kopfhörern ein unbekanntes, lautes Geräusch. Nochmals drängte ich mich nach vorne und sah schmunzelnd, dass der um seine Sicherheit besorgte Staatschef die Schaumstoffabdeckung meines Mikrophons entfernt hatte, um sicher zu gehen, dass sich nicht darunter eines der höllischen Geschosse befindet, die der CIA und der MOSSAD hätte platzieren können. Als der erste Journalist das Thema Kuweit und Saddam Hussein ansprach, schnauzte der Rais lautstark: „No Koweit, no Saddam, only Tuareg!“. Ich vermute, dass mein italienischer Kollege inzwischen von den anderen erfahren hatte, was Tuareg sind und was für Probleme sie haben, wenn sie von Staat zu Staat ziehen, ohne Pässe oder ähnliche Dokumente. Das Gespräch dauerte nicht lange, da das Interesse an diesem Thema bei den Anwesenden kaum auf großes Interesse stieß. Ich selbst habe der NZZ per FAX aus Tripolis einen kurzen Bericht gesandt, der dann prompt am nächsten Tag erschien und über den ich sehr glücklich war, denn so durfte kein arabischer Geheimdienst auf die Idee kommen, dass ich einer der unerwünschten Kollegen war.

Tags darauf flogen Wagner und ich zurück nach Paris und wenige Tage später fand ich in meiner Post eine Packung hervorragender Pralinen aus Belgien. Jean-Marie Bressand war überglücklich, dass es ihm einmal mehr gelungen war Freunden eine Freude zu bereiten, ohne dass es ihn etwas gekostet hatte. Dies mein Erlebnis mit Gaddafi, den ich leider nie mehr zu Gesicht bekam. Das Angebot meines Freunds Bressand, nochmals nach Tripolis zu fliegen, um den „Ausstand“ von ca. 18 Millionen USD zu ergründen, lehnte ich später dankend ab, wissend, dass der an sich nicht Begünstigte der Chef des libyschen Geheimdiensts war und über den ich erfahren hatte, dass er kein lieber Mensch sei und ich nicht die geringste Lust hatte, mich über die Situation in den Gefängnissen des Wüstenstaats persönlich zu informieren. Dass ich dann wenigen Monate später nach Bagdad flog, hatte andere Gründe und darüber habe ich schon ausführlich berichtet.

 

© Copyright Manfred Ferrari