Das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer

Wird die Flüchtlingsfrage Europa spalten?

Die Bilder der toten Flüchtlinge im Mittelmeer machen mich sehr betroffen. Ich kann sehr gut verstehen, dass sich in Europa Menschen darüber grosse Sorgen machen. Die Humanität Europas steht an einem Scheideweg.

Als ein deutschsprachiger Journalist, der seit über zwei Jahrzehnten in Italien lebt, verfolge ich diese Tragik sowohl über die italienischen wie auch über die deutschen Medien. Dabei bin ich mir bewusst, dass ich selbst einst „Flüchtling“ war. Ich setze es in Anführungszeichen, denn als ich 1948 von Leipzig nach München und später in die Schweiz gebracht wurde, war ich erst 5 Jahre alt und konnte damals mein Schicksal nicht selbst entscheiden. Es war eine mutige italienische Grosstante, die mich unter dem Sitz eines Bahnwagens aus der DDR geschmuggelt hatte. Ich wuchs dann bei der Schwester meiner leiblichen Mutter auf, die Italienerin war und einen Italiener in der Schweiz geheiratet hatte. Hier erfuhr ich als kleiner Junge erstmals was Rassismus ist. Nach wenigen Monaten schon musste ich den Kindergarten verlassen, da die Eltern meiner kleinen Kameraden Druck auf die Leitung gemacht hatten, denn sie wollten nicht, dass ihre Kinder mit einem „Sauschwaben“ im Kindergarten aufwachsen sollen. Mein damals sächsischer Akzent wird das Seine dazu beigetragen haben.

Heute, rund 70 Jahre später, denke ich immer wieder an diese Zeit zurück und die damalige Situation wird mir immer wieder zum Massstab für meine eigenen Gefühle, wenn ich an das Problem der Zuwanderung denke. Selbstverständlich habe ich mich als Kind bald assimiliert, lernte den Schweizer Dialekt und machte später Karriere in der Wirtschaft. Eines Tags hängte ich meinen gut bezahlten Job an den Haken. Nach einem Sabbatjahr entschloss ich mich, als Quereinsteiger, für den Journalismus und das im religiös-kirchlichen Bereich.

Nun beobachte ich mit grosser Betroffenheit die Flüchtlingssituation in Europa und versuche mir selbst eine Meinung zu bilden, immer im Gedenken an meine eigene Vergangenheit. Ich kenne die soziale Einstellung von Papst Franziskus und beobachte wie sich die Bischöfe Italiens mit Vehemenz in der Flüchtlingsfrage hinter ihn stellen. Gleichzeitig beobachte ich aber auch die Entwicklung im gesellschaftlichen Umfeld. Die Italiener sind ein sehr gastfreundliches Volk, besonders im Süden des Landes. Sie waren es, welche die ersten Flüchtlinge mit offenen Armen aufnahmen, sie mit Nahrung und Kleider versorgten und oft auch mit einer Unterkunft. Nun aber scheint sich die Einstellung in dieser Frage drastisch zu ändern. Mir scheint, dass eine gewisse Gemütsschwelle überschritten worden ist. Eine Wut staut sich auf und richtet sich vornehmlich gegen Deutschland und auch gegen Frankreich. Die deutsche Bundeskanzlerin, mit ihrer anfänglich überaus offenen Haltung in der Flüchtlingsfrage, wird immer deutlicher zur Zielscheibe dieser Wut. Der einfache Bürger Italiens fühlt sich von Nordeuropa im Stich gelassen. Immer häufiger stellt er sich die Frage, weshalb die früheren Regierungen Italiens das sog. Dublin-Abkommen angenommen haben, wohl wissend, dass es immer Italien und auch Griechenland sein werden, die als erstes Land in Frage kommen, für die Registrierung der Flüchtlinge. Wie konnte es geschehen, dass ausgerechnet Italien, mit seiner drastischen Jugendarbeitslosigkeit die Last der Flüchtlinge allein tragen soll? Hier in Italien sind es meist die Grosseltern, die ihre arbeitslosen Enkel mit ihrer Rente „durchfüttern“ müssen, da auch ihre Eltern oft arbeitslos sind. Die in diesem Land übliche, traditionell familiäre Solidarität lässt kaum eine andere Lösung zu.

Und dann kamen Massen von andersfarbigen Menschen über das Mittelmeer an Italiens Küsten. Langsam und stetig nahm die Solidarität mit diesen meist aus Schwarzafrika stammenden Menschen ab. Es prallten Kulturen aufeinander, die sich vorher nie begegnet hatten. Meines Erachtens ist es in erster Linie das auffällige Benehmen dieser Neuankommenden, die Ärger erregt. Schwarzafrikaner sind meist stolze Menschen und dies ist aus ihrer Kultur heraus zu verstehen, und ihr gutes Recht. Zur gleichen Zeit wurde aber die Aufnahme dieser Flüchtlinge immer mehr institutionalisiert. Es liegt in der bedauerlichen Eigenart Italiens, mit seinen mafiösen Strukturen im Süden, dass sich die organisierte Kriminalität dieses Problems angenommen hat. Es ist zu einem guten Geschäft geworden, private Einrichtungen zu schaffen, die vom italienischen Staat Unsummen Geld zu erhalten, von dem aber die Betroffenen nur einen Teil abbekommen. Ein grosses Teil dieser staatlichen Zuwendungen fliesst in die Kassen der Mafia, der Camorra, der N’drangeta, der Sacra Corona Unita und all die anderen, dunklen Strukturen, wie immer sie auch heissen mögen. Der einfache Bürger sieht dies, schwieg lange dazu, bis sich das ungute Gefühl darüber entzündete. Wenn hier in Italien Zehntausende von Bürgern mit einer Rente von 300 bis 500 Euro begnügen müssen, sieht das einfache Volk die überall herumstreunenden Flüchtlinge, mit ihren oft teuren Smartphones telefonierend, in den Parks und auf Strassen und Plätzen und keiner bisherigen Regierung ist es je gelungen die Arbeitslosigkeit und die dramatische Rentensituation zu lindern.

Nun tauchten Bewegungen auf, die bisher marginal die italienische Politik beeinflusst haben. Es war die norditalienische Lega und im Süden die Bewegung der 5 Sterne, die mit reisserischen Worten auf die Misere aufmerksam machten und rasanten Zulauf erhielten. Es sind nicht die sogenannt populistischen Parteien, die den Unmut verursachten, sondern die Not einer Bevölkerungsmasse, die aus ihrem Schweigen ausbrach und nun von der von ihr gewählten Regierung eine Verbesserung ihrer Situation erhoffen. In Italien spricht man gerne von einer „Krise“, die sich aber in Grenzen hält, wenn am Samstag und Sonntag die prall gefüllten Einkaufswagen aus den Supermärkten gefahren werden. Die Krise Italiens spielt sich vorwiegend in den Köpfen der Menschen ab, vorläufig zumindest. Wer die Lage aufmerksam beobachtet, stellt aber auch fest, dass sich eine soziale Krise anbahnt, die dann zum Ausbruch kommen wird, wenn die ersten Banken ihre Tore schliessen müssen, weil die von ihnen gewährten Konsum- und Geschäftskredite nicht mehr bedient werden können. Abgefedert wird diese Situation wohl nur deshalb, weil Italien traditionell einen überaus hohen Anteil an Wohnungs- und Hauseigentum besitzt. Wie sonst könnten Rentner mit ihren lächerlichen Einkommen überleben?

Es ist zu befürchten, dass die Immigranten zum Zünglein an der Waage werden könnten, um diese soziale Krise auszulösen. Was die Juden in Deutschland für die Nationalsozialisten waren, das könnten die ungebetenen Fremden aus Afrika für ein Volk werden, das an sich dem Fremden immer offenherzig entgegenkam. Wer heute aufmerksam hinschaut, der spürt die sich leise entladende Aggression gegenüber all jenen Menschen, die aus tiefer Not heraus ihre Heimat verlassen haben, in der irrigen Hoffnung, dass sich jeder und jede aus den Töpfen Europas bedienen kann. Die Medien in Afrika haben das ihre dazu beigetragen, aber auch die Selfies von Angela Merkel und Papst Franziskus, die den Menschen im Süden unserer Welt vorgaukelten, dass sie bei uns willkommen sind.

Ohne Zweifel muss den Ertrinkenden im Mittelmeer mit allen Mitteln geholfen werden. Doch zur gleichen Zeit muss der Menschenfluss in Richtung Norden gebremst werden, wenn wir nicht zu Mittätern des Sterbens im Mittelmeer werden wollen. Die an sich berechtigte Forderung, dass diesen Menschen in ihren Ländern selbst geholfen werden muss, bleibt eine Illusion, wenn wir gleichzeitig durch unsere Banken und Institutionen die kriminellen Regime unbehelligt lassen. Wenn Despoten ein Land regieren, die mit uns Europäern gute Geschäfte machen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass ihr verarmtes Volk sich aufmacht, um eine bessere Zukunft im Norden zu suchen.

Hier helfen keine Auffang- oder Abschiebelager. Hier müssen die Vereinten Nationen direkt eingreifen und für humane Einrichtungen sorgen, die den in der Wüste gestrandeten Menschen eine vorläufige Bleibe geben, bis diese den Mut und die Mittel finden, sich wieder in ihre Heimat zu begeben. Selten nur wird beleuchtet, dass die Mehrzahl dieser Menschen sich nicht mit eigenen Mitteln auf die Reise gemacht haben. Familienmitglieder und Freunde haben das Geld für die Schlepper bereitgestellt, in der Hoffnung, dass der Empfänger dieser Mittel einmal nicht nur das geliehene Geld zurückgibt, sondern auch anderen zum „Reichtum“ verhilft. Wer kann es den in Europa, in Libyen und in der Sahara gestrandeten Menschen verargen, wenn sie alles tun, um nicht als Gescheiterte in ihre Heimat zurückzukehren, wo sie unweigerlich mit unerfüllbaren Forderungen bedrängt werden. Es ist sicher richtig, dass die international vernetzten Schlepperbanden durch die Justiz verfolgt werden, doch Schlepper werden immer dann vorhanden sein, wenn ein Markt dafür existiert und der Markt sind jene Menschen, die sich hoffnungsvoll auf den Weg machen, in ein Europa, das nur sehr wenigen von ihnen diese Hoffnung erfüllen kann.

So sehr ich selbst unter den Bildern des Schreckens leide, wenn tote Kinder aus dem Mittelmeer geborgen werden, so sehr bin ich auch der Auffassung, dass politisch alles unternommen werden muss, um den Immigrationsfluss zu bremsen. Europa kann nicht all die Menschen aus dem Süden der Erdkugel aufnehmen, die moralisch das Recht hätten, von uns die an ihnen durch den Kolonialismus begangenen Sünden auszugleichen. Europa wird unweigerlich an der Flüchtlingsfrage zerbrechen, denn die EU ist und bleibt in erster Linie eine Wirtschaftsgemeinschaft und wir wohl nie eine Solidaritätsgemeinschaft werden, denn allzu gross sind die nationalen Egoismen. Sie werden es bleiben, wenn es nicht gelingt ein Europa der Regionen zu schaffen, die sich solidarisch vereinen, in ihrer kulturellen Eigenart. Ein Schwede aus dem äussersten Norden wird sich nie die etwas irreale Denkweise des Sizilianers aneignen, wenn ja, dann während eines Ferienaufenthalts auf dieser traumhaft schönen Insel, die mir selbst zur neuen Heimat geworden ist. Doch auch ich werde als gebürtiger Sachse, mit meinem italienischen Pass nie ein Sizilianer werden, so sehr ich dies auch möchte.

Wenn wir nicht aktiv nach einer Lösung der Flüchtlingsfrage suchen und nicht aufhören von Asylsuchenden zu reden, wenn es sich in Tat und Wahrheit mehrheitlich um Menschen in grosser wirtschaftlicher Not handelt, die nicht politisches Asyl, sondern um ein menschwürdiges Leben nachfragen, dann wird eine andere Krise unsere Region heimsuchen, die uns alle wieder auf eine gleiche Stufe stellen wird. Gott bewahre uns vor einer solchen Situation, die in der Vergangenheit Krieg genannt wurde. Ich selbst habe meine Eltern und meinen einzigen Bruder dadurch verloren. Ich mag keinem die Einsamkeit gönnen, ohne Mutterliebe und väterliche Orientierung aufzuwachsen. Dies mag mich aber sensibilisiert haben, mich der Not von Mitmenschen anzunehmen, dies aber nur im Rahmen meiner eigenen Kräfte und Möglichkeiten. Es mag toll sein, ein Gutmensch genannt zu werden. Ich möchte aber nie so bezeichnet werden, wohl aber als ein Mensch der seine eigenen Grenzen kennt und die seines Nachbars achtet. Dies ist für mich ein Lebensideal, das ich zwar wohl nie erreichen werde, aber mich dahingehend zu bemühen bleibt mein persönliches Ziel.

Manfred Ferrari, Syrakus

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