Franziskus - ein etwas anderer Papst

Franziskus spaltet die Gemüter. Die einen sehen in ihm den großartigen Reformer, die anderen behaupten, dass es der „schlechteste“ Papst sei, der seit Gedenken die katholische Kirche regiert hat, wie mir ein sizilianischer Unternehmer kürzlich zuraunte. Ein befreundeter Arzt in Österreich spricht von ihm nur noch als „Herr Bergoglio“ und verfasst eine feurige Schrift über die Fehler und Abweichungen des Pontifex aus Argentinien. Kardinäle schreiben offene Briefe und klagen über theologische Abweichungen und der in Italien bekannte Journalist und kirchennahe Buchautor Antonio Socci bezeichnet Franziskus sogar als „Häretiker“. Im Vatikan soll es Seilschaften von Kardinälen, Bischöfen und Monsignores geben, die an der Demontage des amtierenden Papstes arbeiten, ein Umstand den der Präfekt des Päpstlichen Haushalts und Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, vehement bestreitet.

Auf der anderen Seite sind es Massen von Menschen, die dem volksnahen Kirchenfürsten zujubeln, die seine reformerischen Schritte begeistert begrüßen und über sein so anderes Benehmen entzückt sind. Franziskus spaltet. Er geht einen sehr eigenwilligen Weg im Vatikan. Er ernennt Bischöfe und Kardinäle in einer völlig anderen Weise als seine Vorgänger. Es sind Priester aus dem Volk, Pfarrer, die den Armen und Bedürftigen nahestehen und meist Menschen, die seine besondere Gunst genießen, die er während seiner Laufbahn persönlich kennengelernt hat. Er scheint sich um die über Jahrhunderte alte Tradition zu scheren und setzt Wegzeichen einer neuartigen, katholischen Kultur. Mir ist, als seien es die Kirchenfernen und die ganz frommen Menschen, die ihn mögen. Die „fromme Mitte“ aber, jene die seit Jahrzehnten das Sagen im Vatikan hatte, scheint ihn abzulehnen, es sei denn sie versucht in seiner nächsten Umgebung das Pontifikat zu beeinflussen, um wie schon immer in der Kirchengeschichte, aus dieser Nähe heraus Profit zu schlagen.

Ist Papst Franziskus wirklich ein Reformer? Dies mag bezweifelt werden, denn wer seine Schritte aufmerksam beobachtet, der sieht, dass der „Mann der aus der Ferne geholt wurde“ ein recht konservativer Vertreter des katholischen Glaubens ist. Seine Bemerkungen gegenüber Journalisten „wer bin ich, dass ich hier urteilen kann“, haben einige Verwirrung gestiftet. Es sind seine Aussagen über heikle, soziale Fragen, wie Homosexualität, Abtreibung und Interkommunion, welche die konservativen Gemüter brüskiert haben. Doch wer diese Aussagen des Papstes im Einzelnen prüft, der stellt überrascht fest, dass sie konservativer nicht sein könnten. Die Masse des Kirchenvolks erhält die entsprechenden Informationen aus den Medien, die jede Aussage des Pontifex protokollieren und je nach politischer Couleur interpretieren. Nur wenige wagen sich an die Originaltexte des Vatikan heran, die übrigens in moderner Form im Internet und in kirchennahen Publikationen dargestellt werden. Wer sich informieren will, dem fehlt das entsprechende Material keineswegs.

Warum also diese Differenz im Blick auf diesen etwas anderen Papst? Hier ist zu erwähnen, dass der Vatikan ein komplexes Gebilde ist, das eigentlich nur Spezialisten, „Vatikanisten“ genannt, einigermaßen durchschauen können. Da genügt ein Studium der Theologie oder der Soziologie nicht, um einen tieferen Einblick in die Strukturen der obersten Kirchenleitung zu erhalten. Der Schulfreund des heiligen Papstes Johannes Paul II., Kardinal André Marie Deskur, pflegte zu sagen, dass sein Onkel vierzig Jahre im Vatikan gedient habe und im letzten Jahr seines Amtes noch Büros und Abteilungen fand, von denen er zeitlebens nie etwas gehört hatte. Der Vatikan liegt im Herzen von Italien und warum sollte die „Italienità“, das italienische Tun und Lassen nicht auch auf diese Institution abfärben. In der Tat arbeiten im Vatikan auf allen Stufen Menschen, die in Rom aufgewachsen sind und hohe Funktionen bekleiden, deren Namen aber der Außenwelt kaum jemandem bekannt sind.

Doch auch im Vatikan gibt es Palastintrigen, wie in jeder politischen Struktur. „Im Namen Gottes“ werden sie klein geredet und sind meist nur den Insidern bekannt. Als der kanadische Bischof Edouard Gagnon von Papst Paul VI. nach Rom gerufen wurde, um eine Analyse der Wirksamkeit der vom Montini-Papst durchgeführten Kurienreform durchzuführen, staunte er nicht schlecht, dass am Tag der Präsentation der Resultate sein Pult aufgebrochen worden war und die Studie auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Auch der polnische Papst ließ danach suchen, doch sie kam nie zum Vorschein. Dies war insofern peinlich, weil Montini - wissend um die Gerüchteküche in der Kirchenzentrale - Gagnon angewiesen hatte, sofort nach der Fertigstellung des Dokuments, alle Basisinformationen zu vernichten. Als Gagnon vorschlug, die Studie aus seinem Gedächtnis heraus zu rekonstruieren, winkten die Kirchenoberen dankend ab, denn niemand war wirklich an den Resultaten interessiert, außer natürlich dem Papst. Im Vatikan kursiert nämlich das Bonmot, dass die höchste Geheimnisstufe der Kirche, das „päpstliche Geheimnis“ eigentlich nur einem geheim bleibt…dem Papst selbst.

In einem solchen Umfeld wirkt Franziskus auch heute noch. Er hat sich deshalb eine „Taskforce“ aus Kardinälen und Bischöfen und auch aus Laien bereitgestellt, die ihn nicht nur beraten, sondern auch wahrheitsgemäß informieren sollen. Dort wirkt - in aller Stille - einer der besten Kenner des Vatikans, der Journalist und erfolgreiche Buchautor Andrea Tornielli. Er galt immer schon als ein Kritiker der vatikanischen Strukturen und heute wird behauptet, dass er Papst Franziskus häufiger sieht, als die Nummer zwei des Vatikans, Staatssekretär Pietro Parolin, der als oberster Kurienchef dieses Privileg eigentlich innehaben sollte. Aber schon früher war es nicht die auf dem Papier festgehaltene Hierarchie, die den fast uneingeschränkten Zugang zum Pontifex genoss. Hier sei an eines der mächtigsten Kurienmitglieder erinnert, Giovanni Battista Re, der als Substitut des Staatssekretariats eine großen Einfluss auf den polnischen Papst genoss und dem es sogar gelang, Papst Johannes Paul II. zu einem offiziellen Pastoralbesuch seines Heimatdorfs im norditalienischen Borno zu bewegen, eine Ehre die nie einem anderen Mitglied der Kurie zugestanden worden war.

Papst Bergoglio scheint manchmal wie ein Elefant im Porzellanladen zu wirken. Er kanzelt in zwei Weihnachtsansprachen an die vatikanische Kurie seine Mitarbeiter unverblümt ab, was zwar psychologisch nicht sehr geschickt war, doch die Wirkung blieb nicht aus. Eine Zeitlang herrschte Verwirrung im Vatikan. Die internen Telefone liefen heiß und in den nahe gelegenen Restaurants wurden „Krisengespräche“ abgehalten. Doch die Situation beruhigte sich bald. Auch die kritischen Briefe konservativ eingestellter Kardinäle gerieten bald in Vergessenheit. Der allgemeine Jubel, der dem argentinischen Papst entgegenschlug, ließ viele Münder verstummen. Franziskus hatte Flagge gezeigt und so lernten die meisten der vorlauten Prälaten, dass Schweigen immer noch besser sei als Reden. Irgendwie scheinen viele seiner Kritiker verstanden zu haben, dass nicht ominöse, geheime Zusammenkünfte von Papstmachern diesen Mann in die Kirchenleitung gehievt haben, sondern dass auch der oft zitierte Heilige Geist wesentlich zu seiner Wahl beigetragen hat. Es brauchte einen „Poltermann“ wie Bergoglio, um die schläfrigen Kuriengeister zu wecken. Viele hatten sich schon bei ihrem Eintritt in den päpstlichen Dienst auf ein geruhsames Lebensende eingestellt. Vatikanische Pfründe sind in Italien hochbegehrt, während aus den nordischen Ländern Europas die Oberhirten eher zurückhaltend sind, ihre besten Kirchenmänner nach Rom zu senden. Wer aber die Effizienz der vatikanischen Kurie analysiert, der stellt rasch fest, dass es in der Welt (im politischen Bereich) kaum eine Organisation gibt, die mit so wenigen und schlecht bezahlten Beamten ein Kirchenapparat in Schwung hält, wie dies in Rom geschieht, allen Unkenrufen zum Trotz und in krassem Gegensatz zum Beamtenwesen in Italien.

Wenn also dieser Papst kritisiert wird, dann geschieht dies zu Recht. Er hat als Krisenmanager, bewusst oder unbewusst, die Methode des „Chaosmanagements“ angewendet, hat Unruhe in alle Dikasterien (Ministerien) eingebracht und die bestehenden Strukturen derart provoziert, damit sie in „selbstorganisierender“ Art und Weise sich neu (er)finden können. Ob ihm dies bei der Vatikanbank gelingen wird, mag derzeit noch fraglich sein. Ein Schweizer wurde schon von Papst Benedikt in einer der Schaltstellen eingesetzt und er tut seinem Amt alle Ehre. In aller Stille wurden geheime Bankkonten aufgehoben, die eigentlich nur kirchlichen Institutionen zugänglich sein sollten, die aber von mafiösen Kreisen als Geldwäsche-Institut missbraucht wurden, um Millionen von Euros und Dollars dem italienischen Fiskus zu entziehen. Die ersten, konkreten Schritte hatte der deutsche Papst gemacht und in die gleichen Fußstapfen tritt der Argentinier voran. „Beim Geld hört die Freundschaft auf…“ sagte mir einst ein vermögender, urkatholischer Schweizer, der mich um einige Tausend Franken geprellt hatte. Und ebenso wird es im Vatikan zu und hergehen, wenn ein (frommer) Krimineller dem „Istituto per le Opere Religiose“ einen Deal vorschlägt, eine soziale Einrichtung zu finanzieren, gegen die Einrichtung eines der geheimen Konten im Vatikan. Aber auch diese Hürde wird der „Mann aus der Ferne“ (schon der polnische Papst hatte sich so genannt) nehmen, denn stur ist er und nicht so geschliffen wie viele Norditaliener, die bisher das Sagen im Vatikan hatten 

Wie Saulus zu Paulus wurde, ging es mir selbst. Ich war in den ersten Tagen des Pontifikats begeistert von diesem Papst. Dann kamen mir Zweifel. Inzwischen bin ich aber der festen Überzeugung, dass nur ein Oberhaupt wie Bergoglio dieses Kirchenschiff in die Zukunft führen kann. Der heilige Papst aus Polen war vielleicht noch gewillt, eine fromme Kirche der „kleinen Herde“ ins dritte Jahrtausend zu führen. Auch bei dem deutschen Papst schien sich ein solcher Weg abzuzeichnen. Franziskus aber ist der Brückenbauer für die Fernstehenden, auch wenn sie immer noch den christlichen Kirchen in Europa davonlaufen, meist aus finanziellen Überlegungen. Zumindest das „einfache Volk“ hat die Botschaft verstanden. Die Intellektuellen müssen sich noch etwas gedulden.

Unser Papst mag noch oft durch seine Entscheide anecken. Wenn, dann tut er es nicht mit Absicht und in vielen Situationen wurde er schlicht von seiner Umgebung schlecht beraten. Denn auch ein Papst kann nur aufgrund wahrer und konkreter Informationen entscheiden. In dieser Hinsicht lag es im Vatikan seit Jahrzehnten, vielleicht sogar seit Jahrhunderten im Argen. Allzu viele Günstlinge scharten sich um die Päpste, in der Hoffnung mit „brauner Zunge“ hierarchische und finanzielle Vorteile zu ergattern. Papst Franziskus bereitet auch in dieser Hinsicht Hoffnung. Die Ernennung der Kardinäle im Juni 2018 bestätigen den Trend, zum Schrecken für all jene, die den bisher üblichen Mechanismus der Ernennungen zu kennen glaubten. Franziskus wird noch für einige Überraschungen gut sein. Wartens wir ab 

Manfred Ferrari, Rom

 

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