Accademia Ecclesiastica
Die "Kaderschmiede" des Vatikans

Ich war nie ein Geheimagent...

Wie oft habe ich diesen Ausspruch im Laufe meiner Karriere als freischaffender Journalist gebraucht, nachdem in einer italienischen Tageszeitung im Mai 1995 ein ganzseitiger Artikel erschienen war, worin behauptet wurde, dass ich der «Geheimagent von Papst Johannes Paul II.» gewesen sei. Im Schweizer Boulevardblatt BLICK war am nächsten Tag sogar behauptet worden, dass ich vom Redaktor dieser Zeitung «enttarnt» worden sei. Kurz nach Erscheinen des italienischen Artikels erklärte mir ein lieber Freund, der Carabinieri-Reservegeneral Giancarlo Servolini, damals Präsident des Verbands der Privatdetektive Italiens, dass der SISMI (Auslandgeheimdienst Italiens) mich ins Visier genommen habe und mein Telefon überwache.

Dies war nicht neu für mich. Als ich Ende der achtziger Jahre in Frankreich lebte, machte mich Jean-Marie Bressand, Präsident und Gründer des «Le Monde Bilingue», in dessen Vorstand ich sass, darauf aufmerksam, dass der französische Inlandgeheimdienst (DST) sich Gedanken über meine vielen Reisen in den Nahen Osten mache. Ich nahm das Angebot an, mit ihm nach Paris zu fahren, um dort einen der Chefs dieses Dienstes zu treffen. Aus dieser Begegnung wurde eine Freundschaft, die erst dann endete, als er im Alter von 50 Jahren seinen Dienst ordnungsgemäss quittieren musste. Seitdem habe ich leider den Kontakt zu Antoine Poli (seinen echten Namen erfuhr ich nie) verloren und dies stimmt mich etwas traurig, denn selten hatte ich einen Menschen mit einer derart sauberen Ethik kennengelernt. Er war praktizierender Katholik und freute sich sehr, als ich ihm einmal ein Segenspergament aus Rom mitbrachte, das von einem Erzbischof im Namen des polnischen Papstes unterzeichnet worden war. Von ihm erfuhr ich einiges über die Struktur des vatikanischen Nachrichtensystems und auch er war der Auffassung, dass der Heilige Stuhl über das wohl umfangreichste «Geheimdienstnetz» der Welt verfüge, mit einem «Agentenpool» von rund einer halben Million von Mitarbeitern, die fest in eine hierarchische Struktur eingebunden waren. Dass der Vatikan über keinen eigentlichen Nachrichtendienst verfügt, ist allgemein bekannt, weniger aber die Tatsache, dass das päpstliche Staatssekretariat über eine Abteilung verfügt, die sich mit dem Kontakt zu den staatlichen Geheimdiensten befasst. Der Name des Amtsinhabers ist nur wenigen Verantwortlichen des Vatikans bekannt.

Während meiner langjährigen Arbeit als investigativer Journalist habe ich einige Exponenten von Geheimdiensten kennen gelernt. Es waren meist fleissige Informationssammler, denen die Masse der Information wichtiger erschien, als die Qualität der Information. Mir schien, als seien die etablierten Geheimdienste eher dazu da, politische Informationen zurecht zu biegen, als Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Was wollen die rund 22'000 Mitarbeiter der US-amerikanischen «Central Intelligence Agency» denn anders tun, als massenweise Informationen zu sammeln, wenn die im Vatikan dazu delegierten Mitarbeiter an einer einzigen Hand abgezählt werden können und beauftragt sind, Informationen von über einer Milliarde von Katholiken zu verarbeiten? Dass sie sich nebst dem auch noch um «dissidente» Journalisten zu kümmern haben, sei nur nebenbei erwähnt. Nicht mitgerechnet sind in den USA die rund 40'000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der «National Security Agency», die den gesamten Nachrichtenverkehr der Welt zu überwachen haben. Wer soll da noch durchblicken? Wer die Struktur der israelischen Dienste analysiert, der mit dem MOSSAD mit ca. weltweit 3'000 Agentinnen und Agenten Informationen sammelt, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Und dann ist noch der Shin Bet zu nennen, der die innere Sicherheit Israels zu bewachen hat und dessen Name in der Übersetzung nichts anderes heisst als «Töte zuerst».

Wikipedia hat die Namen der weltweit tätigen Auslandnachrichtendienste aufgelistet:

Afghanistan: NDS, Albania: SHISH, Algeria: DRS, Argentina: AFI, Armenia: SNB, Australia: ASIS, Azerbaijan: MTN, Bahrain: NSA, Bangladesh: NSI, Belarus: KGB RB, Belgium: ADIV/SGRS, Bosnia and Herzegovina: OSA-OBA, Brazil: ABIN, Brunei: BRD, Bulgaria: NRS, Cameroon: BMM, Canada: CSIS, Chad: ANS, Chile: ANI, China: MSS, Congo (Democratic Republic of): ANR, Croatia: SOA, Cuba: DI, Czech Republic: ÚZSI, Denmark: FE, Djibouti: BSRG, Ecuador: SENAIN, Egypt: Mukhabarat, Estonia: EFIS, France: DGSE, Gambia: SIS, Georgia: GIS, Germany: BND, Ghana: BNI, BGU, RDU, Greece: EYP, Hungary: IH, India: RAW, Indonesia: BIN, Iran: VAJA, Iraq: GSD, Ireland: G2, Israel: Mossad, Italy: AISE, Ivory Coast: NSC, Japan: NPA, CIRO, Jordan: GID, Kazakhstan: Syrbar, Kenya: NIS, Kyrgyzstan: SNB, Kuwait: KSS, Latvia: SAB, Lithuania: VSD, Lebanon: GDGS, Libya: MJ, Republic of North Macedonia: UBK, Malaysia: MEIO, Maldives: NSS, Mexico: CISEN, Mongolia: GIA, Montenegro: ANB, Morocco: DGST, Mozambique: SISE, Netherlands: AIVD, New Zealand: NZSIS, Nigeria: NIA, North Korea: RGB, Norway: E-tjenesten, Oman: Palace Office, Pakistan: ISI, Papua New Guinea: NIO, Philippines: NICA, Poland: AW, Portugal: SIED, Qatar: QSS, Romania: SIE, Russia: SVR, Saudi Arabia: Al Mukhabarat Al A'amah, Serbia: BIA, Sierra Leone: CISU, Singapore: SID, Slovakia: SIS, Slovenia: SOVA, Somalia: NISA, South Africa: SSA, South Korea: NIS, Spain: CNI, Sri Lanka: SIS, Sudan: JAWM, Sweden: KSI, Switzerland: NDB, Syria: GSD, Taiwan: NSB, Tajikistan: MoS, Thailand: NIA, Togo: NIA, Tunisia: TIA, Turkey: MİT, Turkmenistan: KNB, Uganda: ISO, Ukraine: SZRU, United Arab Emirates: UAEI, United Kingdom: SIS (MI6), United States: CIA, Uzbekistan: SNB, Vietnam: TC2

Alle diese Organisationen sammeln Daten über ihre Landsleute im Ausland und über all jene Menschen, die für die jeweiligen Regierungen von Interesse sind. Dennoch gelingt es kaum, den internationalen Terrorismus wirksam zu bekämpfen. Es fehlt an geschultem Personal und dies in einer Fülle, die kaum zu bewältigen ist. In Frankreich sollen es über 10'000 Personen sein, die als «Gefährder» gelten. In den USA fallen ca. 800'000 Menschen in diese Kategorie. All diese Personen zu überwachen ist unmöglich. In einer deutschen Tageszeitung wurde eindrücklich beschrieben, wie viele Beamten für die Überwachung eines einzigen Gefährders notwendig sind: «Jedes Team besteht aus zehn bis zwölf Beamten. Die Sollstärke liegt bei 16 Leuten. Aber das ist unrealistisch. Es gibt immer Ausfälle wegen Krankheit, Lehrgang oder Urlaubszeit. Und Personalmangel sowieso“, berichtet der Polizeibeamte Christian Burg. Da im Schichtdienst gearbeitet wird, sind für eine 24-Stunden-Überwachung mindestens zwei bis drei Teams nötig. Das bedeutet: 20 bis 36 Polizisten, als Minimum (Die Welt, 19.01.2015)».

Nebst meinen Erfahrungen in Frankreich ist auch der schweizerische Geheimdienst zu erwähnen, der seinerzeit durch die sogenannte «Fichenaffäre» in Verruf geraten war. Die Kritik betraf die Datensammelwut der Beamten. Seit 2017 wurde der Dienst neu aufgestellt und der militärischen Führung der Bundesverwaltung unterstellt. In einer aufschlussreichen Broschüre werden die neuen «Geheimagenten» der Schweiz auf den Job aufmerksam gemacht. Realistisch und humorvoll werden die Bedingungen für eine zukünftige Mitarbeit beleuchtet und erklärt warum heute keine «James Bonds» gesucht werden, sondern teamfähige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Siehe «Arbeitgeber NBD 2017»

Bemerkenswert dabei ist die Tatsache, dass dieser Dienst innerhalb der Bundesverwaltung als besonders «familienfreundlich» gilt und sogar 2016 mit einer Auszeichnung zertifiziert wurde, eine eher selten zu findende Tatsache in dieser Branche. Ungern erinnere ich mich daran, wie der frühere Dienst (Bundespolizei) von Fachleuten im Ausland belächelt und als «Erbsenzähler» bezeichnet wurde. Dass ich in deren Akten als «Agent der CIA» geführt worden bin und mir dies von einem Beamten am Telefon unverblümt mitgeteilt wurde, beleuchtet etwas den damaligen (hausbackenen) Stil des Dienstes.

Ich hätte noch viel darüber zu erzählen. Aber in dieser Branche ist Schweigen oft vernünftiger als Reden und Schreiben. Und dies nahm ich trotz all meiner Spontaneität immer sehr ernst...

(mf)

© Copyright Manfred Ferrari